6. Sicherheitserwägungen (Security Considerations)
Als zentrales Transportprotokoll des Internets ist TCP mit mehreren Sicherheitsbedrohungen konfrontiert. Dieser Abschnitt skizziert die wichtigsten Sicherheitsüberlegungen und Abhilfemaßnahmen.
6.1. Sequenznummernangriffe
Bedrohung: Angreifer können versuchen, TCP-Sequenznummern zu erraten oder vorherzusagen, um bösartige Daten einzuschleusen oder Verbindungen zu übernehmen.
Abhilfemaßnahmen:
- Verwenden Sie kryptografisch starke Zufallszahlengeneratoren zur Auswahl anfänglicher Sequenznummern (Initial Sequence Number, ISN)
- Implementieren Sie Sequenznummer-Schutzmechanismen aus RFC 6528
- Strenge Validierung von Segmenten außerhalb des Fensters (RFC 5961)
6.2. SYN-Flood-Angriffe
Bedrohung: Angreifer senden zahlreiche SYN-Segmente ohne den Handshake abzuschließen und erschöpfen Server-Ressourcen.
Abhilfemaßnahmen:
- Implementierung von SYN-Cookie-Mechanismen
- Begrenzung der Anzahl halboffener Verbindungen
- Verwendung von SYN-Proxies oder Firewall-Schutz
- Konfiguration geeigneter Timeout-Werte
6.3. Verbindungsübernahme
Bedrohung: Angreifer versuchen, bestehende TCP-Verbindungen zu übernehmen.
Abhilfemaßnahmen:
- Verwendung von Verschlüsselungsprotokollen wie TLS/SSL (z.B. HTTPS)
- Überprüfung von Sequenz- und Bestätigungsnummern
- Implementierung strenger Zustandsprüfungen
- Verwendung der TCP-MD5-Signaturoption (RFC 2385) oder TCP-AO (RFC 5925)
6.4. RST-Angriffe
Bedrohung: Angreifer senden gefälschte RST-Segmente, um legitime Verbindungen zu beenden.
Abhilfemaßnahmen:
- Strenge Validierung der Sequenznummern von RST-Segmenten
- Implementierung von RST-Behandlungsverbesserungen aus RFC 5961
- Verwendung von verschlüsseltem Verbindungsschutz
6.5. Dateninjektionsangriffe
Bedrohung: Angreifer versuchen, bösartige Daten in Verbindungen einzuschleusen.
Abhilfemaßnahmen:
- Strenge Sequenznummernvalidierung
- Verwendung von Verschlüsselungs- und Authentifizierungsmechanismen
- Überprüfung der Datenintegrität (Prüfsummen)
6.6. Denial-of-Service (DoS)-Angriffe
Bedrohungstypen:
- Ressourcenerschöpfung: Verbrauch von Server-CPU, -Speicher oder -Verbindungsressourcen
- Bandbreitenverbrauch: Senden großer Datenmengen zur Sättigung des Netzwerks
- Zustandserschöpfung: Erstellen zahlreicher Verbindungen zur Erschöpfung des Serverzustands
Abhilfemaßnahmen:
- Implementierung von Verbindungsratenbegrenzung
- Verwendung von Firewalls und Intrusion-Detection-Systemen
- Konfiguration geeigneter Ressourcengrenzen
- Implementierung von Schnellpfad-Optimierungen zur Reduzierung der CPU-Nutzung
6.7. Man-in-the-Middle (MITM)-Angriffe
Bedrohung: Angreifer fangen Kommunikation ab und ändern sie möglicherweise.
Abhilfemaßnahmen:
- Verwendung von Ende-zu-Ende-Verschlüsselung wie TLS
- Implementierung von Zertifikatsvalidierung
- Verwendung starker Authentifizierungsmechanismen
6.8. Blindangriffe
Bedrohung: Angreifer versuchen, Verbindungen anzugreifen, ohne den Verkehr zu sehen.
Abhilfemaßnahmen:
- Verbesserungen aus RFC 5961, einschließlich:
- Challenge-ACKs für Segmente außerhalb des Fensters
- Strenge RST- und SYN-Validierung
- Ratenbegrenzung von Challenge-ACKs
6.9. Timing-Angriffe
Bedrohung: Ableitung von Informationen durch Analyse von Timing-Eigenschaften des TCP-Verhaltens.
Abhilfemaßnahmen:
- Implementierung von Zeitstempel-Randomisierung
- Vermeidung vorhersagbaren Timeout-Verhaltens
- Verwendung von Verschlüsselung auf Anwendungsebene
6.10. Implementierungsempfehlungen
MUSS (MUST):
- Verwendung kryptografisch starker Zufallszahlengeneratoren für ISN-Generierung
- Ordnungsgemäße Implementierung und Validierung von TCP-Prüfsummen
- Implementierung der Sicherheitsverbesserungen aus RFC 5961
SOLLTE (SHOULD):
- Unterstützung von TLS für Anwendungen, die Sicherheit benötigen
- Implementierung von Verbindungsratenbegrenzung
- Protokollierung verdächtiger Aktivitäten
EMPFOHLEN (RECOMMENDED):
- Verwendung von Firewalls und Intrusion-Detection-Systemen
- Regelmäßige Aktualisierung von TCP-Implementierungen zur Behebung bekannter Schwachstellen
- Überwachung abnormaler Verkehrsmuster
6.11. Verschlüsselung und Authentifizierung
TCP selbst bietet keine Verschlüsselung oder Authentifizierung. Anwendungen, die Sicherheit benötigen, sollten verwenden:
- TLS/SSL (Transport Layer Security) - Am häufigsten verwendete Lösung
- IPsec - Netzwerkschicht-Sicherheit
- TCP-AO (RFC 5925) - TCP-Authentifizierungsoption
- Verschlüsselung auf Anwendungsebene - Wie SSH, HTTPS
6.12. Sicherheitskonfiguration
Empfohlene Systemkonfiguration:
# SYN-Cookies aktivieren (Linux)
net.ipv4.tcp_syncookies = 1
# SYN-Wiederholungsversuche begrenzen
net.ipv4.tcp_syn_retries = 3
net.ipv4.tcp_synack_retries = 3
# RFC 1337 TIME-WAIT-Schutz aktivieren
net.ipv4.tcp_rfc1337 = 1
# Reverse-Path-Filterung aktivieren
net.ipv4.conf.all.rp_filter = 1
6.13. Zugehörige Sicherheits-RFCs
- RFC 4953 - Verteidigung von TCP gegen Spoofing-Angriffe
- RFC 5925 - Die TCP-Authentifizierungsoption (TCP-AO)
- RFC 5961 - Verbesserung der TCP-Robustheit gegenüber Blind-In-Window-Angriffen
- RFC 6528 - Verteidigung gegen Sequenznummernangriffe
- RFC 7414 - Eine Roadmap für TCP-Spezifikationsdokumente (Sicherheitsabschnitte)
Wichtiger Hinweis: Sicherheit ist ein sich kontinuierlich entwickelndes Feld. Implementierer sollten über die neuesten Sicherheits-Best-Practices und Schwachstellenankündigungen informiert bleiben.