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4. Aktive Warteschlangenverwaltung (Active Queue Management)

Dieses Kapitel bietet einen Überblick über Active Queue Management (AQM), das eine wichtige Rolle bei der Verwendung von ECN spielt.

4.1. Überblick über AQM

Active Queue Management (AQM) bezieht sich auf intelligente Paketverwerfungsstrategien (oder Markierungsstrategien mit ECN) in Router-Warteschlangen, die darauf abzielen, beginnende Überlastung zu erkennen und zu signalisieren, bevor Warteschlangen vollständig gefüllt sind.

4.1.1. Probleme mit traditionellem Tail-Drop

Traditionelle Tail-Drop-Warteschlangen (die Pakete nur verwerfen, wenn die Warteschlange voll ist) haben mehrere Nachteile:

  1. Lock-Out: Mehrere gleichzeitige TCP-Verbindungen können synchronisiert werden
  2. Full Queues: Warteschlangen bleiben die meiste Zeit voll, was zu hoher Latenz führt
  3. Unfairness: Aggressive Flüsse können einen unfairen Anteil der Bandbreite erhalten
  4. Keine frühzeitige Warnung: Sender erhalten keine Warnung vor schwerer Überlastung

4.2. Random Early Detection (RED)

Random Early Detection (RED) ist ein weit verbreiteter AQM-Mechanismus. RED funktioniert wie folgt:

4.2.1. RED-Prinzipien

  1. Durchschnittliche Warteschlangenlänge: RED berechnet eine gewichtete durchschnittliche Warteschlangenlänge
  2. Probabilistisches Verwerfen: Wenn der Durchschnitt bestimmte Schwellenwerte überschreitet, werden Pakete zufällig mit zunehmender Wahrscheinlichkeit verworfen
  3. Sanfte Degradation: Die Verwerfungswahrscheinlichkeit steigt sanft mit der Warteschlangenlänge

4.2.2. RED-Parameter

RED verwendet mehrere konfigurierbare Parameter:

  • min_th: Minimaler Schwellenwert - unterhalb dessen keine Pakete verworfen werden
  • max_th: Maximaler Schwellenwert - oberhalb dessen alle Pakete verworfen werden
  • max_p: Maximale Markierungs-/Verwerfungswahrscheinlichkeit bei max_th
  • wq: Warteschlangen-Gewichtungsfaktor für Durchschnittsberechnung

4.3. ECN mit AQM

Wenn ECN aktiviert ist, kann ein AQM-Mechanismus wie RED:

  1. Für ECN-fähige Pakete (ECT(0) oder ECT(1)): Das CE-Codepoint setzen, anstatt das Paket zu verwerfen
  2. Für nicht-ECN-fähige Pakete (Not-ECT): Das Paket verwerfen wie zuvor

4.3.1. Vorteile der Kombination von ECN und AQM

Die Kombination von ECN mit AQM bietet mehrere Vorteile:

  • Reduzierter Paketverlust: ECN-fähige Pakete werden markiert statt verworfen
  • Niedrigere Latenz: Weniger Neuübertragungen führen zu geringerer Gesamtlatenz
  • Bessere Durchsatzleistung: Insbesondere für kurze TCP-Verbindungen
  • Verbesserte Anwendungsleistung: Besonders für latenzempfindliche Anwendungen

4.4. AQM-Algorithmen und ECN

Verschiedene AQM-Algorithmen können mit ECN verwendet werden:

4.4.1. RED (Random Early Detection)

  • Am weitesten verbreiteter AQM-Algorithmus
  • Gut dokumentiert und verstanden
  • ECN-Unterstützung in RED ist als RED-with-ECN oder RED/ECN bekannt

4.4.2. Andere AQM-Algorithmen

Andere AQM-Algorithmen, die ECN unterstützen können, umfassen:

  • BLUE: Verwendet Paketverlust- und Link-Auslastungsereignisse
  • REM: Random Exponential Marking
  • PI-Controller: Proportional-Integral-Controller
  • CoDel: Controlled Delay
  • PIE: Proportional Integral Controller Enhanced

4.5. AQM-Konfiguration für ECN

Bei der Konfiguration von AQM für die Verwendung mit ECN:

  1. Router SOLLTEN AQM-Mechanismen bereitstellen, die ECN unterstützen
  2. Die AQM-Parameter SOLLTEN sorgfältig abgestimmt werden, um geeignetes Markierungsverhalten zu gewährleisten
  3. Router SOLLTEN ECN-fähige und nicht-ECN-fähige Pakete mit der gleichen Wahrscheinlichkeit markieren/verwerfen
  4. Die Konfiguration SOLLTE die Netzwerkeigenschaften und Verkehrsmuster berücksichtigen

4.6. Persistente vs. vorübergehende Überlastung

AQM-Mechanismen unterscheiden zwischen:

4.6.1. Persistente Überlastung (Persistent Congestion)

  • Überlastung, die über einen längeren Zeitraum anhält
  • Erfordert Überlastungskontrollreaktion von Endpunkten
  • Wird durch durchschnittliche Warteschlangenlänge erkannt

4.6.2. Vorübergehende Überlastung (Transient Congestion)

  • Kurzzeitige Verkehrsspitzen
  • Kann von Warteschlangenpuffern absorbiert werden
  • Erfordert nicht unbedingt Überlastungskontrollreaktion

ECN und AQM sind darauf ausgelegt, hauptsächlich auf persistente Überlastung zu reagieren, nicht auf vorübergehende Spitzen.

4.7. Fairness-Überlegungen

AQM-Mechanismen mit ECN SOLLTEN:

  1. Fairness zwischen Flüssen aufrechterhalten
  2. Keine Bevorzugung für ECN-fähige gegenüber nicht-ECN-fähigen Flüssen zeigen
  3. Langzeitfairness über verschiedene Verkehrsbedingungen hinweg gewährleisten

4.8. Empfehlungen für Router

Router, die ECN implementieren, SOLLTEN:

  1. Einen AQM-Mechanismus implementieren (RED empfohlen)
  2. ECN-Unterstützung in ihrem AQM-Mechanismus bereitstellen
  3. Konfigurationsoptionen für ECN-bezogene Parameter bereitstellen
  4. Standardmäßig ECN aktivieren oder einfache Aktivierung ermöglichen
  5. Geeignete Dokumentation über ECN-Konfiguration bereitstellen

4.9. Interaktion mit Puffergrößen

Die Effektivität von AQM und ECN hängt von den Router-Puffergrößen ab:

  • Zu kleine Puffer: Können vorübergehende Spitzen nicht absorbieren
  • Zu große Puffer: Führen zu übermäßiger Latenz (Bufferbloat)
  • Richtig dimensionierte Puffer: Ermöglichen effektive AQM und geringe Latenz

4.10. Überwachung und Diagnose

Router SOLLTEN Mechanismen zur Überwachung der AQM/ECN-Leistung bereitstellen:

  • Anzahl der markierten Pakete
  • Anzahl der verworfenen Pakete
  • Durchschnittliche Warteschlangenlänge
  • Momentane Warteschlangenlänge
  • Verhältnis von ECN-fähigen zu nicht-ECN-fähigen Paketen